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Caipi, Sonne, Frühaufsteher
Brasilien trainierte in der verbotenen Stadt
Heiß war es, verdammt heiß - und dann noch dieser Heuschnupfen,
der immer dann auftaucht, wenn ihn keiner will. Was tut man nicht alles
für Ronaldinho & Co.? Doch mein Bericht vom ersten und während
der WM auch einzigen öffentlichen Training der brasilianischen Seleção
beginnt schon früher:
Dienstag:
Halb sieben, aufstehen, Kaffee und ab in die verbotene Stadt Tickets
holen. Schon lange vorher war bekannt, dass sich die Weltmeister von 2002
die Ehre auf dem Bieberer Berg geben und eine ihrer berühmt berüchtigten
Spaßtrainingseinheiten absolvieren werden. Schon beim
Confed-Cup im vergangenen Jahr füllten die Kicker vom Zuckerhut die
BayArena in Leverkusen und veranstalteten eine Sambaparty der Extraklasse.
Klar, dass auch ich mich nach Offenbach aufmache um kostenlose Tickets
zu ergattern. Schon weit vor dem Stadion ist jegliche Parkmöglichkeit
rar die Schlange vor dem Kassenhäuschen nimmt ein gigantisches
Ausmaß an. Um zehn wird erst geöffnet, heißt
es von weiter vorne ich muss mich also noch rund zwei Stunden gedulden
um die begehrten Papierfetzen in den Händen zu halten. Mittlerweile
machen die ersten schon den großen Reibach und verkaufen alle möglichen
Fanartikel an die wartende Menge.
Dann endlich Bewegung in der Schlange: Anstatt der angekündigten
zwei werden nun doch alle Kassen rund um das Stadion geöffnet,
ertönt es von irgendwo her. Und schon leichte Anzeichen von Panik
und bald wird klar, dass auch hier die FIFA wieder ihre Hände im
Spiel haben muss: Anstatt wie angekündigt vier Tickets pro Person
zu verteilen halten es die Kassierer unterschiedlich. An Kasse 1 und im
Fanshop werden vier Tickets ausgegeben. Steht man an den restlichen Häuschen
bekommt man nur zwei erster Unmut macht sich breit, sodass schon
bald das Gesetz der Stärkeren gilt. Als ich endlich meine Karten
in der Hand halten darf laufen mir junge Männer entgegen mit einem
ganzen Stapel Tickets in der Hand. Wie das? frage ich laut
und erhalte eine ebenso kurze Antwort: Dreimal vorgedrängelt!
Schon wenige Stunden nach beginn der Ausgabe sind alle Tickets restlos
vergriffen. Tröstende Mütter mit weinenden Kindern laufen mir
entgegen ich stecke meine Karten schnell weg, will nicht prahlen.
Wer heute noch in einem großen Internetauktionshaus sein Glück
versucht, muss sich mit horrenden Summen auseinandersetzen. Will man den
lieben Kleinen aber einen Gefallen tun so muss man als Vater oder Mutter
tief in die Tasche greifen. Und wieder einmal wird klar, dass die Organisatoren
der FIFA versagt haben.
Donnerstag:
Endlich ist es soweit, heute um 16.45 Uhr beginnt das Training der wohl
besten Elf der Welt ich freue mich auf Ronaldinhos Tricks, Roberto
Carlos Freistöße, Didas Flugeinlagen und Kakas Dribblings.
Doch erstmal steht S-Bahn fahren auf dem Programm. Die Kartenvergabe bescherte
einen Vorgeschmack dessen, was das heutige Training auf dem Bieberer Berg
bringen kann. Ein Wirrwarr wie am Dienstag soll nach Möglichkeit
vermieden werden. Diesmal beugt die Polizei vor und bittet unbeteiligte
Autofahrer und Anwohner vorab schon einmal um Verständnis für
Umleitungen und Sperrungen. 25 000 Zuschauer, so viel wie bei keinem Kickersspiel,
werden erwartet. Wer keine Karte hat, braucht erst gar nicht anzureisen
- ohne Ticket kein Blick auf Ronaldinhos Warm-up-Übungen.
Der Bus ist pünktlich, die Mannschaft ist da! Der Puls der Sicherheitskräfte
steigt rasant in die Höhe die Massen toben. Nachdem die Spieler
erstmal 10 Minuten in der Kabine verschwunden sind geht es endlich los.
Doch dann tauchen erste Fragen auf: Wo ist Ronaldo Hast Du
ihn gesehen? Der Torjäger fehlt. Der Torschützenkönig
der WM 2002 musste wegen leichten Fiebers passen. Angeblich eine
Entzündung der oberen Atemwege, ist später zu lesen. Dass
Ronaldo zuvor aber in einer Frankfurter Edeldisco seine Trinkfestigkeit
unter Beweis gestellt haben soll, davon redet niemand.
Vereinzelt trotten die Stars endlich aus dem Tunnel und machen sich auf
in der Hitze von Offenbach - ein bisschen Spaß haben. Anfangs jongliert
jeder die Kugel in bisschen ehe Stretching und Trainingsspiele folgen.
Dass plötzlich ein Junge den Sicherheitsgürtel der 400 Einsatzkräfte
durchbricht ist fast schon typisch für die Rahmenbedingungen des
Events. Als die Ordnungshüter den Jungen aus dem Stadion bringen
wollen, verhindert das Superstar Ronaldinho: Er setzt lächelnd sein
Autogramm auf das Brasilien-T-Shirt des Jungen. Viele der 25 000 Zuschauer
im Stadion begleiten die Aktion mit Beifall. Erst danach wird der kleine
Störenfried aus der Sicherheitszone entfernt. Das Training geht locker
weiter. Die Spieler haben Spaß und begeistern die Massen mit ihrem
Können. Dank der Hitze ist nach 90 Minuten dann doch jeder froh,
dass das Training langsam dem Ende entgegen geht. Die Spieler ziehen sich
winkend in den Bus zurück die meisten Fans feiern schon Caipi
schlürfend und Samba tanzend den erhofften WM-Titel der Perreira-Truppe.
Schön wars!
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