| Reden wir über Hessen... | ||||
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21.
September: Ein schwarzer Tag: F&T Redaktion vergisst, die Fotografin
oder zumindest eine mit Batterien bestückte Kamera mitzunehmen und
muss daher mit einem albernen Fotohandy Vorlieb nehmen.. |
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| 21. September 2005, Waldstadion Frankfurt, Eintracht - FCB Wie kommt es eigentlich, dass diesem Bundesland im Süden Deutschlands über seine Grenzen hinaus soviel Beachtung geschenkt wird? Bayern, das ist die Nummer eins in der Pisastudie, das ist Oktoberfest, das ist Stoiber, das ist ein beliebtes Reiseziel. Und München, klar, da möchte jeder gerne mal wohnen, und dann in die Disco gehen und Oliver Kahn auf dem Männerklo erwischen, wie er gerade von einer Blondinenschlampe, die so gerne mal auf RTL exklusiv interviewt werden will, einen 1a Blowjob bekommt. Ja, all das ist Bayern. Wer kriegt da nicht leuchtende Augen? Was, wenn wir ab heute mit der gleichen Euphorie Geschichten über das Saarland erzählen würden? Nein, das ist vielleicht zu weit hergeholt, schließlich ist das Saarland schon belegt als beliebter Größenvergleich. (Wußten Sie übrigens, dass der Hurrican Katrina eine Fläche verwüstet hat, die 90 mal so groß ist wie das Saarland?) Nun, für mehr Geschichten ist das Saarland nicht zu gebrauchen. Reden wir also über Hessen. Hessen, hört man hier und da, das ist Frankfurt, das sind Banken, das ist das Bahnhofsviertel, ein Flughafen, Stau auf der A3, das ist Joschka Fischer, die Startbahn West, ein Moloch. Nun, und dann ist da natürlich die Frankfurter Eintracht. Und was passiert nun, wenn diese zwei Bundesländer aufeinanderstoßen? Oft passiert das natürlich nicht. Der Bayer an sich bewegt sich nicht gerne über die Grenzen des Freistaats hinaus. Aber der Hesse, der zeigt ab und zu eine heimliche Affinität, die manchmal öffentlich wird: Gerne passiert das diesen Herbst: Hessische Firmen machen sich auf zu Betriebsausflügen auf die Wiesen (ja, ich schreibe bewusst auch das zweite „e“ aus), und die Hessen, die sich nicht so weit weg trauen, denen fällt plötzlich ein, dass der Besuch des FCB im Hessenland doch ein schöner Anlass wäre, mal das neue Stadion zu besuchen, die Commerzbankarena, denn die soll ja sehr schön sein. Und auch wenn man sonst nichts mit Fußball am Hut hat, so will man doch einmal „die Bayern“ sehn. Und da ist es wieder, das Leuchten in den Augen. Also ist es plötzlich ausverkauft, das Waldstadion. Fünfzigtausend Fans. Naja, zumindest fünfzigtausend Besucher. Die sich mal das Stadion anschauen wollen, und die Bayern, weil die sind schließlich die Bayern, und wann darf man die schon mal sehen? Nicht nur der aufgeschlossene Hesse macht sich also am Dienstag abend auf zum Stadion, auch der eine oder andere bayerische Fan kommt in blaurotweiss vorbei. In der Straßenbahn sitzt neben mir ein Exilbayer, der seinen Kumpel auf der gesamten Fahrt vom Hauptbahnhof bis zum Stadion von den Vorzügen Frankfurts aufklärt. Mit monotoner Stimme zählt er kulturelle Highlights des Rheinmaingebiets auf, die zwar nicht mit München mithalten können, aber irgendwie erreichbarer sind, weil Frankfurt schließlich so klein ist und alles viel näher als in München, und da man hier ja schließlich fremd ist, und ungern mit Hessen Freundschaft schließt, nimmt man eben das Frankfurter Angebot an. Man kann auch Sportveranstaltungen besuchen, höre ich, und der Bayerische Sitznachbar zählt auf: Es gibt die Galaxy, oder man kann Eishockeyspiele besuchen, die Rennbahn, oder zum Fussball gehen. Wenn die Bayern kommen zumindest. Zwischendurch schaut der etwas traurig wirkende Exilbayer aus dem Fenster und fragt, ob wir bald da sind, das sieht doch schon nach Sportplatz aus, fragt er, doch er wird darauf hingewiesen, dass wir gerade erst die Psychiatrie passieren und dass er einfach nach dem Wald Ausschau halten soll, denn dort liegt unser schönes Waldstadion. Die Straßenbahn fährt weiter und ich bin zu weiteren zwanzig Minuten Zuhören gezwungen. Links von mir stehen zwei offensichtliche Stadionerstbesucher, die ausführlich erörtern, dass man am Besten wohl zehn Minuten vor Schluss das Stadion verlassen sollte, damit man auf dem Heimweg auch einen Sitzplatz in der Bahn bekommt. Ich bedaure, meine Dose Becks schon auf den ersten zehn Minuten Fahrt geleert zu haben, schließe die Augen, denke an die Aufstellung und versuche mich in andern Prä-Heimspiel-Mediationsübungen. Es hilft. Endlich ist der Wald in Sicht, gerade noch rechtzeitig, und plötzlich ist auch wieder alles wie immer. Die üblichen Freunde der Eintracht stehen bereits seit einer Weile bei Bier und Würstchen einträchtig auf dem neugestalteten Straßenbahnhaltestellenvorplatz, auf dem ein Refugium von ca. 30 qm von der Neugestaltung ausgenommen wurde, um den Dinosauriern unter den Frankfurtern nicht die Laune zu verderben. Hier fühle auch ich mich wieder wohl und geborgen. Wie immer auf den letzten Drücker erreichen wir gerade noch rechtzeitig zur Hymne und zur Aufstellung den Block. Und Bayern hin oder her, so ein bis auf den letzten Platz ausverkauftes Stadion macht schon was her! Und der Lautstärke und Stimmung entnehme ich, dass wohl doch weniger Bayern, Exilbayern, Bayernsympathisanten und Stadionbesichtiger da sind als befürchtet. Die Gesänge sind überwältigend, und selbst auf unseren biederen Sitzplätzen hält es uns nicht auf den Sitzen. Begeisterung und Aggression wirken ansteckend und ich bin versucht, mich mit den „Hinsetzen“-Rufern hinter mir anzulegen. Mann Mann, wir sind hier beim Fußball, und wer sitzen will, kauft sich Premiere und bleibt bitte mit dem Hintern auf der Couch. Luftanhaltend behalte ich die tickende Uhr auf dem Videowürfel im Auge und überlege, ob vielleicht Stoßgebete nach oben helfen, die Zeit schneller vergehen und das ganze in einem gnädigen 0:0 enden zu lassen. Am enttäuschenden Ergebnis eines spannenden und von unseren Jungs auch wirklich engagiertem Spiel gebe ich jedoch nicht dem bayerischen Papst die Schuld, da bin ich nun wirlich nicht katholisch und bayerisch genug, und außerdem wäre ich nicht die Erste, die diese unoriginelle Assoziation kundtun würde. Statt dessen wartet schon wieder der lange Weg zur Bahn. Die Nachbarn von der Hinfahrt sind natürlich schon längst bequem in der warmen Bahn und werden sich sicher gerade angeregt unterhalten, dass das doch ein schönes Spiel war, und wie klasse das ist, die Bayern mal gesehen zu haben. Und ich verbringe den Waldspaziergang mit Kopfrechnen: 4 Punkte in 6 Spielen ... macht 0,6666 Punkte pro Spiel .... das macht dann in 34 Spieltagen 22,6 Punkte ... Das hört sich nicht gut an, und ich weiss nicht, ob ich mich damit tröste, dass wir auch in der letzten Saison langsam gestartet sind oder damit, dass wir vielleicht in der nächsten Saison wieder schwächere Gegner haben werden....? Aber auch ich ergattere bald einen Sitzplatz in der warmen Straßenbahn. Und bin erneut eingezwängt zwischen Bayern und solchen, die es gerne wären. Ein Mädchen mit viel Alkohol im Blut trägt einen blau-weissen Schal, behauptet von sich, ein äschtes Frankfurter Mädsche zu sein und wiederholt in einem fort, was für eine Schande das für den deutschen Meister ist, gegen eine Zweitligamannschaft nur 1:0 zu gewinnen. „Dasss mussman sichma vorstellen“ .... „...gegen eine verdammte lächerliche SWEITLIGAMANNSCHAFT!!“ Spätestens nach dem zehnten „lacherliche SSSweitligamannschaft“ platzt mir der Kragen, ich packe beide Enden des Schals und ziehe sie zu einer immer enger werdenden Schlaufe langsam aber kräftig zusammen, bis sich der lächerliche Blondinenschopf bläulich verfärbt und ihr die lächerliche Zweitligamannschaft im zugeschnürten Hals steckenbleibt. Nun, zumindest in meiner
Vorstellung tat ich das und es gab mir große Genugtuung.
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