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06.06.2004,
Betzenberg Kaiserslautern
Fast völlige Stille
herrschte auf dem Betzenberg nach dem Spiel, während tausende von
Fans nahezu lautlos das Stadion verließen. Fast ein wenig beängstigend.
Aber beginnen wir am Anfang: Als Eintracht-Sympathisantin machte ich mich
mit leisem Widerwillen auf den Weg in Richtung Kaiserslautern, die Stimmen
der FCK Gönner noch im Ohr: „...aber der FCK darf doch nicht
absteigen, die Region hat doch sonst nichts...!“ Grund genug, sich
diese „Region“ mal näher anzuschauen, und was liegt da
näher, als diese für das Länderspiel gegen Ungarn auf dem
Betzenberg aufzusuchen.
In Kaiserslautern angekommen, schlenderten wir zunächst einmal durch
die Stadt, gemeinsam mit mehreren tausend Fans, die meisten wie ich im
54er Retro Trikot. Schließlich ist das bevorstehende Spiel nicht
nur eine wichtige Vorbereitung auf die Europameisterschaft, sondern auch
DAS Jubiläumsspiel „50 Jahre nach dem Wunder von Bern“.
Und wie sieht Kaiserslautern 50 Jahre danach aus? An manchen Ecken tatsächlich
wie ein Stück Nachkriegsdeutschland, mit vielen leerstehenden Häusern,
„zu vermieten“-Schildern in ehemals blühenden Geschäften,
Baulücken und Bauruinen zwischen gepflegten Altbauten und eternitverkleideten
60er Jahre-Sparkassen-Würfeln. Das ist also gemeint, wenn von „der
Region“ die Rede ist!
Jetzt aber schnell hoch auf den Betzenberg, wo man auf jedem Weg zum Stadionbesuch
einen unfreiwilligen, kreuzwegähnlichen „Aufstieg“ erlebt,
an verschiedenen Stationen innehaltend, um Schal- und Nationalflaggenpreise
zu vergleichen, bevor man etwas außer Puste aber beeindruckt vom
wuchtigen Bau oben ankommt. Die Atmosphäre gleicht mal wieder einem
fröhlichen Familienausflug, erwartungsfrohe Gesichter, wo man hinsieht.
Im Vorprogramm wird dann neben zahlreichen Fan-und Werbeaktionen (u.a.
das Hissen eines überdimensionalen Adidas-Trikots, das einem Spieler
von ca. 50m Größe passen könnte, also nur einem wirklichen
Fußballgott) viel erinnert. Auf der Leinwand sehen wir die Bilder,
die in den letzten Wochen so oft in den verschiedenen Fernsehprogrammen
übertragen wurden, so dass inzwischen sogar bei mir die Gänsehaut
ausbleibt und ich frage mich, wie sich jetzt die „Veteranen“
von 54 fühlen, die als geladene Ehrengäste auf der Tribüne
sitzen. Wie ergeht es ihnen, wenn sie mal wieder das inzwischen inflationär
gebrauchte Wort „Wunder“ hören? Kürzlich berichteten
mehrere namhafte Fußballmagazine begeistert vom „Wunder von
Bremen“. Begeistert war ich auch. Aber ist es ein Wunder, wenn ein
Verein, der die ganze Saison über solide gut spielt, dafür konsequenterweise
auch belohnt wird und Meister wird? Damit mich niemand falsch versteht:
Ich habe den allergrößten Respekt vor den Weltmeistern von
54, die wir alle nie vergessen werden, (auch wenn ich selbst noch nicht
geboren war), und deshalb schlage ich folgendes vor:
Das Wort „Wunder“ wird bis auf weiteres aus dem Fußballwortschatz
gestrichen. Jeder, der gegen diese Regel verstößt, muss einen
nicht geringen Beitrag in eine Kasse für einen guten Zweck zahlen,
wie z.B. für den Aufbau der „Region“, eine Aubau-West-Abgabe
sozusagen. Erst dann darf das Wort Wunder wieder verwendet werden, wenn
wirklich wieder ein solches geschieht, wenn z.B. der Irak Fußballweltmeister
wird.
Aber zurück ins Stadion. Ungarns Staatspräsident ist anwesend
und unser Bundespräsident. Vor dem Spiel erinnern sich alle noch
einmal und wünschen den Mannschaften alles Gute. Womit wir wieder
daran erinnert werden, wie bedeutend das heutige Spiel ist. Wir erwarten
natürliich einen hohen Sieg, das wurde im Vorfeld von allen Seiten
laut. Selbst Lothar Matthäus machte vor dem Spiel einen eher geknickten,
pessimistischen Eindruck und räumte bescheiden ein, bestenfalls mit
einer besseren B-Mannschaft anzureisen, nachdem er von seinen Top-Spielern
im Stich gelassen wurde. Die deutschen Spielern selbst hielten sich jedoch
im Vorfeld wohlweislich zurück, ihnen leichtfertig eine selbstgerechte
Arroganz vorzuwerfen, ist meiner Meinung nach unberechtigt.
Leider hielten sie sich jedoch auch in den folgenden 90 Minuten zurück.
Blieb die ungarische Torchance in der ersten Spielminute noch ohne Folgen,
so folgte der 1:0-Treffer für die Gäste bereits fünf Minuten
später. „Haha“, lachte man im deutschen Fanblock, „so
hat’s vor 50 Jahren auch begonnen“! Nach dem 2:0, das noch
vor der Pause fiel, lachte man jedoch nur noch im ungarischen Fanblock,
der zwar spärlich besetzt, aber plötzlich bemerkenswert laut
wurde. Und das, obwohl auf der Tribüne wahrscheinlich nicht mehr
Ungarn zu finden waren als auf dem Platz.
Was Rudis Jungs in der Kabine zu hören bekommen haben, weiß
ich nicht. Aber in der zweiten Halbzeit machte auch mir das Zuschauen
keine rechte Freude mehr. Ich fühlte mich unwohl. Ich befand mich
plötzlich inmitten eines Pfeifkonzertes, das 37000 Fans fast einstimmig
anstimmten, wollte aber selbst so recht nicht mitpfeifen. Fast schon war
es mir plötzlich unangenehm, dass ich mich nur kurze Momente vorher
dazu habe hinreißen lassen, unserer selbsternannten Nummer eins
lautstark den Ratschlag zu geben, doch besser seinen Ruhestand anzutreten.
Und irgendwie gaben sich ja in der zweiten Hälfte auch alle mächtig
Mühe, unsere Jungs, was die Sache nur noch schlimmer machte: zuzusehen,
wie sie sich erfolgreich quälten, unter tosenden Beschimpfungen,
verbalen Entgleisungen und Verschmähungen. Eingeschüchtert und
verunsichert wirkten sie und hatten sich damit schon wieder mein Mitgefühl
erschlichen. Wahrscheinlich konnten sie sich gar nicht mehr konzentrieren,
weil sie bereits die Geier in Gestalt gnadenloser Reporter vor ihrem geistigen
Auge sehen konnten, die am Rand bereits auf gefundenes Fressen warteten.
Aber im Nachhinein war alles nicht so schlimm. Man solle dieses Spiel
nicht überbewerten, hieß es bald bei ARD und ZDF. Alles war
auf einmal nicht mehr so bedeutend wie noch 90 Minuten zuvor, und die
große Stille setzte ein. Nicht nur auf dem Heimweg, unter tausenden
betroffener Fans.
Ich persönlich lasse mir meinen Optimismus auch nicht nehmen und
bewerte die Stille nach dem Spiel als Ruhe vor dem Sturm. Den Sturm gibts
dann in Portugal, denn trotz allem bin ich davon überzeugt, dass
Michael und seine Kollegen allen Pannen und allem Genöle zum Trotz
in Höchstform auflaufen werden und mindestens das Halbfinale erreichen
werden. Wetten?
Die
Fotogalerie zum Spiel findet Ihr >>HIER
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