Das gefühlte 10:0 und die Liebe
Dass es um die Chancenverwertung bei unserer Eintracht
manchmal nicht so gut bestellt ist, dass ist ja nichts neues. Gestern
nachmittag allerdings war es vielleicht schon ganz gut, dass von den
unzähligen Torschüssen "nur" vier auch wirklich
den Weg hinter die Linie fanden. Das Feuerwerk an Lattentreffern gegen
Ende des Spiels bereitete mir zwar große Freude, aber ich glaube,
bei neun oder zehn Toren hätten unsere Gäste sich dann nicht
nur wegen des jetzt doch sehr wahrscheinlichen Abstieges gegrämt,
sondern auch noch auf beste San Marino-Manier verhöhnt gefühlt.
Aber man möge mich nicht falsch verstehen, mein Mitgefühl
hält sich in Grenzen, und dieser wunderschöne, hochverdiente
Sieg meiner Lieblingsmannschaft bereitete mir das schönste Sommerwochenende
dieses Frühjahrs.
Ich hatte mir ja in den Tagen vor dem Spiel ein striktes
Medienverbot auferlegt. Ich wollte einfach nichts sehen und nichts hören
über Zank und Streit, über mögliche Wechsel desselben
nach Hamburg, Dortmund oder sonstige schöne deutsche Städte,
über Trainerdiskussionen, und über das bevorstehende "Königsspiel".
Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben, und mich auch nicht an den
Rechenspielchen beteiligen. Drei Spieltage mit den verschiedensten Prognosen
und den möglichen Punktverteilungen durchspielen und berechnen,
das liegt mir einfach nicht. Ich wünschte mir einfach nur eines.
Drei Punkte gegen Aachen und mal wieder fröhliche Gesichter sehen.
Und fern ab von Internetnachrichten, Zeitungsberichten
und -kommentaren zog ich mich mit einem Glas Wein zurück und nutzte
die süße Macht des Weins, mal wieder ganz sentimental und
in Ruhe darüber nachzudenken, was es denn eigentlich ist, das mich
immer wieder zu diesem fürchterlichen Verein zieht, mir schlaflose
Nächte bereitet und nicht selten schlechte Laune, um mir dann aber
auch unverhofft wieder ein dümmliches Lächeln auf die Lippen
zaubert. Na klar, dachte ich mir plötzlich: dieses Phänomen
ist ja eigentlich etwas ganz normales und ist gar nicht mal auf mich
und meinen Lieblingsverein beschränkt! Nein, und jetzt lasse ich
mal wieder das Mädchen in mir sprechen, irgendwie ist Eintrachtfan
sein so ähnlich wie verliebt sein. Und ich rede hier nicht von
einer langweiligen Ehe, in der es schon seit Jahren keine Überraschungen
mehr gibt, nein, Eintrachtfan ist eher so eine unerfüllte Liebe,
die einem das Leben schwer macht, weil man einerseits immer hofft, aber
andererseits immer wieder enttäuscht wird. Und dann, plötzlich,
wenn man sich schon fast damit abgefunden hat, dass es doch mal wieder
nichts wird mit dem Objekt der Begierde, kommt doch ganz unerwartet
ein Anruf, ein kleines Lächeln, oder gar ein Kuss, oder eben ein
vier zu null. Und schon scheint auch die Sonne wieder.
Ganz anders dagegen geht es Anhängern anderer
Mannschaften. Bayernfan sein zum Beispiel, das ist so, wie mit einem
wunderschönen Model verheiratet zu sein, das mit Schönheit,
viel Geld und Erfolg gesegnet ist, mit dem man in der Öffentlichkeit
viele bewundernde Blicke auf sich zieht, aber mit dem man plötzlich,
allein zu Hause merkt, dass hinter der schönen Hülle gar nichts
steckt, und sich schließlich zu Tode langweilt. Nun, und wie weit
es dann mit der Treue bestellt ist, das wissen wir ja alle aus Erfahrung.
Und so wird der leidende Eintrachtfan tatsächlich
nicht selten beneidet. Neulich, in einer Runde bestehend aus einem Gladbacher
Borussen, einer Frankfurterin und einem Bremer konnte der Bremer nicht
umhin, irgendwie neideisch anzuerkennen, dass die Fans "da unten"
im Abstiegskampf ja eine ganz schöne Leidenschaft an den Tag legten.
Also, kurz: Fan von unserer Eintracht sein, das heißt
Liebe, Leidenschaft, Unberechenbarkeit, immer wieder Enttäuschung
und das ganz große Glück. Und nie im Leben Langeweile.
Gestern war es mal wieder das große Glück
und das Leben ist wieder schön. Für wie lange? Wer weiß.....!?
>>
F&T Home