Im Trainingslager
Hasenwinkel - Juli 2006
Es ist vier Uhr
morgens. Vierzig Grad. Kein Luftzug rührt sich. Die Düsseldorfer
Wohnung im Dachgeschoss kühlt trotz weit aufgerissener Fenster
nicht aus. An Schlaf ist nicht zu denken. Einfach die Augen zu lassen
und an Eisberge denken. Und während sie langsam in einen Dämmerzustand
gleitet, der ohne weiteres in Schlaf übergehen könnte, ertönt
plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm. Nein, es ist kein
kalbender Gletscher, es ist eine Rüttelplatte, die zur Baustelle
vor der Tür gehört, denn Schienenarbeiter arbeiten gerne
nachts, damit tagsüber der öffentliche Nahverkehr nicht
leidet. Etwa zur gleichen Zeit erwacht auch der Gemüsehändler
gegenüber zum Leben. Kisten werden vom Lastwagen geworfen, Eisenregale
scheppernd übereinandergestapelt, und der Chef macht seine Aushilfe
zur Schnecke. The city never sleeps. Und als kurze Zeit später
die zwei Putzfrauen im Treppenhaus lautstark ihre familiären
Schwierigkeiten diskutieren, während sie ihre Schrubber immer
wieder gegen die Wohnungstür schubsen, da fasst unsere F&T
Fotografin einen Entschluss. Sie muss raus! Und zwar möglichst
an einen Ort, an dem wirklich gar nichts los ist, an dem es keine
zu reparierenden Schienen gibt, aber dafür vielleicht einen schattenspendenden
Baum und ein kühles Hotelzimmer im Erdgeschoss. Ein Ort, an dem
sich Ochs und Fink gute Nacht sagen.
Diesen Ort gibt
es, und zwar in Hasenwinkel. Ein Zufluchtsort, nicht nur für
schlaflose Fotografinnen. Auch ein Frankfurter Fußballlehrer
nutzte die erstbeste Gelegenheit, um mit seiner Truppe eine Auszeit
von der Großstadt zu nehmen und zu entfliehen von seiner Arbeitsstätte,
unserem schönen Waldstadion, das ihm sicher immer fremder wird:
Erst leiht sich die FIFA das ganze Areal, missbraucht sämtliche
verfügbaren Trainingsplätze und verwandelt diese in Grillplätze
und umgepflügte Äcker, und dann hält auch noch der
Kongress der Zeugen Jehovas (nein, es waren NICHT die Zeugen Yeboahs!)
Einzug auf den heiligen Rasen! „Ich muss raus“, wird sich
Herr Funkel gedacht haben, und zwar möglichst an einen Ort, an
dem wirklich gar nichts los ist, wo die Jungs sich in aller Ruhe auf
die Saison vorbereiten können, und wo weder WM noch Kongresse
stattfinden.
Nun, die WM hat
sich inzwischen auch von Hasenwinkel verabschiedet. Und in ebendemselben
Hotel Klostepforte, in dem vor wenigen Wochen noch Scolari mit seinen
portugiesischen Schäfchen Quartier bezogen hatte, fand sich nun
unsere Eintracht in neuer Besetzung zu ihrem zweiten Trainingslager
ein. Die lokale Bevölkerung zeigt sich eher unbeeindruckt, sagte
der freundliche Busfahrer, denn den letzten Teil der Reise muss unsere
Fotografin mit dem Bus bewältigen, wegen den fehlenden Schienen
und Rüttelplatten eben. Von der WM hatte man sich noch etwas
versprochen, schließlich waren nicht viele Ortschaften priviligierte
WM-Quartiere. Aber schnell hatte man gemerkt, dass die Klosterpforte
hohe Zäune hat, und die Portugiesen nicht wirklich willig waren,
sich unter die Bevölkerung zu mischen.
Und hier kreuzen
sich also die Wege der Zuflucht Suchenden. Die F&T Fotografin
schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe, nachts kann sie sich
ordentlich ausschlafen, um dann ausgeruht, die Kamera geschultert,
morgens Zeugin davon werden, wie ein Hamburger Fitnesstrainer die
Jungs mit regelrecht Klinsmannesken Methoden auf Vordermann bringt.
Gummitwist gibt es keinen, aber dafür scheinen alle sehr viel
Spass an Koordinationsübungen zu haben, den linken Arm nach vorn,
den rechten nach hinten drehend, das hört sich einfach an, aber
versucht das einmal! Überhaupt schienen alle mal wieder ziemlich
gut gelaunt zu sein. Außer Markus Pröll vielleicht, der
den Eindruck machte, als mache ihm die T-Frage etwas zu schaffen.
„Leberwurst!“, rief er plötzlich einmal während
er mit Menger im Tor trainierte. Wen er damit meinte? Keine Ahnung.
Ich hoffe, nicht sich selber. Weniger verständlich waren andere
Zurufe unter den elf Freunden. Während unser Neuzugang Kyrgiakos
noch kein deutsch spricht, hat der Rest anscheinend seine Hausaufgaben
mit Bravour erledigt, und fleißig griechische Vokabeln gelernt.
Dass es sich hierbei teilweise um solche Vokabeln handelt, die man
besser nicht im nächsten Griechenlandurlaub ausprobieren sollte,
ist vielleicht nur ein Gerücht und entzieht sich meiner Kenntnis.
Und während
also unsere Jungs das tun, was sie am besten können, tut das
auch unsere Fotografin: Das Geschehen wird auf Zelluloid, bzw einen
Speicherchip eingefangen, und nebenbei werden noch ein paar schreibende
Kollegen aufgeheitert, die sich zwar ebenfalls im Hasenwinkel eingefunden
haben, aber offensichtlich nicht wirklich zu schätzen wissen,
an was für einem wunderbaren Ort sie sich aufhalten....
Ach ja, Hasenwinkel
heißt übrigens gar nicht Hasenwinkel, sondern Harsewinkel,
und der Ortsteil, in dem das Trainingslager stattfand, heißt
Marienfeld. Aber die künstlerische Freiheit erlaubten wir uns
an dieser Stelle aus poetischen Gründen.