Waldstadion, 30.
November 2006
Eintracht Franfurt - Newcastle United 0:0
Unentschieden gibt
es eigentlich gar nicht. Ein Unentschieden ist nie wirklich neutral.
Das Glas ist entweder halbvoll oder halbleer und nicht umsonst werden
weder Trainer noch Spieler nach einem Unentschieden von der unglaublich
unoriginellen Frage "Ein Punkt gewonnen oder zwei Punkte verloren?"
verschont. Nun, während wir noch vor wenigen Wochen das 2:2 in
Bröndby wie einen 5:0-Sieg feierten, war das 0:0 gegen Newcastle
United am Donnerstag Abend eindeutig eine dieser gefühlten Niederlagen.
Und während ich immer noch fassungslos zu verstehen versuchte,
wie es passieren konnte, ein solches Spiel nicht zu gewinnen und von
den im Minutentakt herausgearbeiteten Chancen nicht eine einzige zu
nutzen, pries der Eintrachtlehrer schon wieder das "geile Spiel",
bei dem die Jungs alles richtig gemacht haben. Außer, Kleinigkeit,
eben die fantastischen Chancen nicht genutzt haben. Nun gut, ich werde
versuchen, aus des Trainers Optimismus zu lernen und endlich auch
einmal anzuerkennen, dass das Glas eben doch halbvoll ist. Schließlich
ist ja noch alles offen. Denn noch können wir auch noch eine
Runde weiterkommen, und das ganz ohne rfemde Hilfe. Man muss eben
nur noch auswärts Fenerbahçe besiegen.
Bleibe ich also
realistisch und objektiv, setze für eine Minute meine Vereinsbrille
ab und blicke auf die bisherige Uefa-Saison: Dass unsre Eintracht
so souverän in die Gruppenphase einzieht, damit hatten nicht
viele gerechnet. Und dass man gegen Gegner wie US Palermo oder Newcastle
United nicht nur mithalten, sondern beide Spiele eindeutig zu dominieren,
ist ebensowenig eine Selbstverständlichkeit. Aber dominieren
heißt eben noch nicht siegen, denn da gehört noch eine
Kleinigkeit dazu, mit der die Jungs im Moment so ihre leichten Schwierigkeiten
zu haben scheinen, nämlich den Ball einfach mal über die
gegnerische Torlinie zwischen die Pfosten zu schieben. Und (schon
längst habe ich die Brille wieder auf), da kann man als Anhänger
seiner Lieblingsmannschaft schon mal ungeduldig werden, und nach der
soundsovielten Chance schon mal die Hände über dem Kopf
zusammenschlagen und Wörter aussprechen, die man nicht in seinen
täglichen Wortschatz aufnehmen will.
Die Stimmung nach
dem Spiel war daher zunächst mal wieder nicht gerade euphorisch,
als man sich vor der Straßenbahn auf das übliche After-Spiel-Bierchen
zusammenfand. Und ich hätte wahrscheinlich auch einfach nach
Hause gehen können, um mit meinen Schmerzen allein zu sein. Wären
da nicht noch unsere netten Gäste aus Newcastle gewesen. Deren
Mitgefühl schien von Herzen zu kommen. Denn auch wenn die Magpies
als Gruppensieger diese Phase abgeschlossen haben, so sind sie als
viertletzter in der heimatlichen Liga zur Zeit auch nicht gerade erfolgsverwöhnt.
Zwei der sympathischen Geordies, Will und Chris, nahmen wir jedenfalls
in unsere Mitte auf, erstens weil man die seltene internationale Fußballluft
so lange wie möglich einatmen will, und zweitens, weil wir die
netten Jungs nicht ohne ein paar schöne Frankfurter Erinnerungen
nach Hause fahren lassen wollten.
Römer und Zeil,
das kannten sie natürlich schon und auch mit dem merkwürdigen
süßen heißen Wein auf dem Weihnachtsmarkt hatten
sie vor dem Spiel schon Bekannschaft gemacht. Also nahmen wir sie
mit ins Nordend, um ihnen mal zu zeigen, wo es den gemeinen Eintrachtfan
nach einem solchen Abend hin verschlägt. Schon auf dem Weg betonten
die beiden noch einmal, was für eine schöne Stadt Leverkusen
doch sei. Äh. Frankfurt, in Leverkusen waren sie mal zur Champions
League. Und dass die Frankfurter Polizei ein solch riesiges Polizeiaufgebot
aufgefahren hatten, darüber wunderten sich die beiden auch. Ob
man tatsächlich größere Ausschreitungen erwartet habe,
wollten sie wissen, denn ganze Straßen waren anscheinend schon
tagsüber gesperrt gewesen! Als ich erklärte, dass die meisten
der Polizisten zumindest tagsüber wegen Studentendemos auf den
Beinen gewesen sind, waren die zwei doch erleichtert. Trotzdem war
zumindest Chris etwas verunsichert, ob er nicht doch besser sein schwarzweißes
Trikot ausziehen sollte, bevor wir die Eintrachtkneipe betraten.
Die Bedenken waren
natürlich umsonst. Die beiden wurden sofort vom Chef persönlich
herzlichst in Empfang genommen, bevor sie eine Tour bekamen, auf denen
ihnen alle Highlights der Eintrachtgeschichte an den Wänden erklärt
wurden, und sie als Andenken auch noch das Europapokalplakat zum Newcastlespiel
behalten durften. Ich glaube, endlich werden mal zwei Engländer
nach Hause fahren und dort von den wahren Schätzen Deutschlands
erzählen. Statt Lederhosen und Maßkrügen lernten die
englischen Freunde heute Bembel und WC-Ente kennen. Und eine kleine
Kneipe, in der (wie Peter Alexander an diesem Abend auch öfters
sang) das Leben noch lebenswert ist. In der man immer einen Trost
findet oder einen Freund. Und in der auch nach einer gefühlten
Niederlage gesungen wird, weil man eben weiß, dass man mit seinem
Lieblingsverein gute und schlechte Zeiten erlebt, aber eben nie alleine.
In den frühen Morgenstunden trennte man sich schweren Herzens,
natürlich nicht ohne noch Trikots und Schals zu tauschen, um
die neue Fanfreundschaft zu besiegeln.