Sechs Tore lassen fünf gerade sein

Nach dem ersten Auswärtssieg in Duisburg letzte Woche verspürte ich fast einen Hauch von Optimismus, als ich mich gestern auf den Weg in unser schönes Waldstadion machte. Was mich dann tatsächlich erwartete, konnte natürlich keiner ahnen!

Obwohl... die Zeichen standen doch gut: „Attila“ verfolgte gestern zum ersten Mal mit Adleraugen ein Spiel der Eintracht live im Stadion. Attila, unser Maskottchen der Gattung Aquila chrysaetos oder auch Steinadler muss jetzt wohl bei jedem Heimspiel anwesend sein!

Zumindest wenn man ihn für den gestrigen Torregen verantwortlich macht. Im Nachhinein denke ich jedoch…: Hatten sich die Buben nicht schon gegen die Angstgegner zu Saisonbeginn wacker geschlagen? Gegen die Bayern hätte man schließlich auch locker ein 4:0 einstecken können, und auch an Chancen hat es ja von Anfang an nicht gemangelt. War es nicht also die logische Schlussfolgerung, dass man nun gegen einen Mitaufsteiger mal so richtig zeigt, was mann kann? Nach dem 4:1 in der 35. Minute bitte ich meinen Sitznachbarn, mich zu kneifen. Der fassungslose Kölner starrt mich jedoch nur verständnislos, oder aber vielleicht auch nur verzweifelt an, und so muss ich mich damit begnügen, noch einmal auf den Videowürfel zu blicken, um mich vom Spielstand zu überzeugen und zu hoffen, dass mich meine Wahrnehmung nicht im Stich lässt.

Aber ich stehe weder unter dem Einfluss von bewusstseinsverändernden noch anderen Drogen, und so lehne ich mich einfach zurück und genieße den Blick, ausnahmsweise von der Haupttribüne, auf ein herrlich attraktives, schön koordiniertes Spiel, freue mich für und über Copado, der von Anfang an das Frankfurter Spiel dominiert. Über Amanatidis freue ich mich natürlich auch, und dass er endlich seinen längst fälligen Treffer gelandet hat. Jeder darf heute mal ran: Amanatidis, Rehmer, Chris, Köhler, Meier, Cha …
Und über Vasoski freue ich mich, der dafür sorgt, dass man den lange Zeit überschätzten kleinen Stürmerprinzen, auch Podolski genannt, überhaupt nur einmal zu Gesicht bekommt, und das auch nur wegen seiner Verwandlung eines sehr fragwürdigen Elfmeters, der aufgrund eines zweifelhaften angeblichen Handspiels von Jones zustande kam.

Aber selbst der Ärger darüber und über kleinere Patzer und Fehlpässe Alex Meiers hält sich in Grenzen, denn die Torflut versetzt die Frankfurter Fanmasse in einen Freudentaumel, wie ihn das neue Stadion seit dem Aufstieg nicht erlebt hat. Auch Trainer Funkel ist gut gelaunt und verzeiht kleine Fehler und vermeidbare Gegentore mit den Worten „Wenn man 6 Tore schießt, kann man als Trainer auch mal 5 gerade sein lassen“.

Und so behaupten auch einige Fans noch lange nach Spielende, das Spiel sei 6:2 ausgegangen. Der Kölner Treffer in der 90. Minute ging irgendwie unter, interessierte auch niemanden mehr. Schließlich freute man sich schon seit 2 Minuten über Du-Ri Cha, der schon zum zweiten Mal in dieser Saison nur wenige Sekunden nach seiner Einwechslung mit einem souveränen Tor glänzte.
Und die Kölner? Die waren sehr schnell verschwunden. Auf fröhliche Karnevalslieder mussten Kölner Sympathisanten wohl gestern vergeblich warten. Gute Laune war exklusiv hessisch. Dem enttäuschten Lukas Podolski dürfte der Trikottausch mit Vasoski wohl den Rest gegeben haben. Im Siegertrikot antwortete er Fragen nach seinen Schwierigkeiten mit Rapolders Taktik unwirsch mit den Worten: „Es geht hier nicht um Systemfußball oder irgendeinen Dreckscheiß!“ Nun, unser Mitgefühl heben wir uns für passendere Anlässe auf. Aber auf Kritik von rhetorischen Fähigkeiten verzichten wir ebenfalls, die wären wohl auch nicht angebracht.

A propos Mitgefühl. Nach dem Spiel warten wir natürlich gespannt auf Erklärungen von Herrn Rapolder und auf Analysen von Funkel. Herr Rapolder bleibt erwartungsgemäß zurückhaltend in seinen Aussagen. Schwer, seine Emotionen auszudrücken, die dieses Desaster ausgelöst haben, gibt er zu. Und dass er trotz einiger Befürchtungen nicht erwartet hatte, durch die Hölle gehen zu müssen an diesem Nachmittag in Frankfurt. Funkel dagegen ist gut gelaunt, lobt seine Buben, ohne aber übermütig zu werden. Köln sei eben nicht Bayern oder Schalke, und es sei ihnen ja auch wirklich leicht gemacht worden. Man müsse jetzt geduldig sein, sagt er, schließlich sei es durchaus möglich, dass in den nächsten vier Spielen wieder einmal keine Tore fallen, und man merkt ihm an, dass er weiss, es kann nicht immer so sonnig sein wie heute und dass die Journalisten ihn auch wieder mit unangenehmen Fragen nerven werden...

Aber erst mal heißt es optimistisch bleiben. Und so hoffen wir, dass Amanatidis, Copado und co. sich schnell regenerieren und hochmotiviert am Dienstag den Schalkern zeigen, wie man in Frankfurt kämpft. Auf dass uns Attila helfe…

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