Lange schallt's im Walde noch:
"Unsre Eintracht lebe hoch!...".

An so einem Morgen, dem Morgen nach dem Erreichen des Pokal-Viertelfinales, erwartet man fast, dass jede Zeitung mit dem selben Aufmacher daherkommt. Von jeder Titelseite sollte mich unser neuer Held Copado, unser alter Freund Du-Ri und der von uns allen geschätzte Funkel anblicken. Aber am Zeitungskiosk, den ich heute etwas spät aufsuche, erwarten mich gleich zwei Überraschungen. Auf Seite eins der gängigen Tageszeitungen geht es um Mannesmann, die Bundesligarechte, um die Entführung von Frau Osthoff, und ich stelle erstaunt fest, dass das Leben seinen ganz normalen Lauf nimmt, dass unsere Eintracht nicht der Mittelpunkt der Welt ist und dass für den Rest der Welt auch heute noch andere Geschichten wichtiger sind als die, die mich eben genau in diesem Augenblick beschäftigt. Die zweite Überraschung am Kiosk: Meine Frankfurter Lieblingstageszeitung ist ausverkauft. Der junge Zeitungsverkäufer wundert sich selbst auch. Ich weiss auch nicht, was heute los ist, sagt er. Ich weiss es aber. Ich bin eben nicht die einzige, die eben mal in allen Einzelheiten nachlesen möchte, was gestern abend im Waldstadion passierte und noch mal das Wort Viertelfinale schwarz auf weiss lesen möchte.

Und dabei war ich gestern nicht mal übermäßig optimistisch. Und um mich vor möglichen Enttäuschungen zu schützen, dachte ich mir im Voraus einen kleinen Selbstbetrug aus. Sollten wir verlieren und rausfliegen, so würde ich einfach sagen, der Pokal ist doch sowieso nicht wichtig. Und ich würde ganz großzügig meinen extra angereisten Nürnberger Freund beglückwünschen und zugeben, dass der Clubb ja einen Erfolg auch sehr viel nötiger braucht, zur Motivation und so. Aber das waren eben alles Überlegungen VOR dem Spiel, und, ich gebe zu, auch noch während des Spiels, das weiss Gott kein grandioses Spiel war. Deshalb lasse ich mich auch gar nicht dazu hinreissen, über Fehlpässe oder ungenutzte Chancen zu schreiben, denn eines ist jetzt völlig klar. Es ist überhaupt nicht mehr wichtig! Selten habe ich eine solche Spannung im Stadion erlebt, und eine solche Stimmung. Auch Oka Nikolov redet nach dem Spiel von einer Gänsehautatmosphäre, und tatsächlich: die Menge war ein wabernder Hexenkessel, und während unten auf dem Platz jeder um sein Leben kämpfte, wie Jones es schön beschrieb, verausgabte sich auch das Frankfurter Publikum und gab alles, was die Stimmbänder hergaben.

Während der Verlängerung wurde es dann unerträglich. Die Jungs unten kämpften auf beiden Seiten tapfer weiter, aber die Müdigkeit und Erschöpfung war offensichtlich. Und so war es wohl für uns dann großes Glück, dass es zum Elfmeterschießen kam, und dann auch noch auf der richtigen Seite. Man stelle sich vor: Man steht als Clubberer vor der Aufgabe, einen möglicherweise alles entscheidenden Elfer zu schießen, und schaut gleichzeitig in den Frankfurter Fanblock. Er sieht sich also nicht nur einem gelassenen großartigen Oka Nikolov gegenüber, sondern einer überdimensionalen Wand, bestehend aus einer lärmenden feindlichen Masse. Und so ist es auch keine Überraschung, wenn dann schon mal ein Ball zwei Meter übers Tor fliegt. Ich glaube, das nennt man psychologische Kriegsführung.

Nach dem 4:1 fiel dann plötzlich alle Spannung von Spielern, Trainern, Fans und Unterstützern ab, und die Freude, die jetzt im Stadion herrschte, war gar nicht mehr “nur” die Freude über das gewonnene Pokalspiel. Es war einfach der Höhepunkt einer gigantischen Saison bzw eines gigantischen Eintrachtjahres! Ist es wirklich erst ein wenig mehr als ein halbes Jahr her, dass wir den Aufstieg gefeiert haben? Und wie wir zu Beginn der Erstligasaison erneut auf die Probe gestellt wurden... Manchmal haben wir leise gemurrt, manchmal sogar etwas lauter, aber eigentlich haben wir unsere Eintracht bei Funkel die ganze Zeit in guten Händen gewusst und ihm fast so vertraut, wie er seinem Team und seiner eigenen Stategie vertraut hat. Zu recht. Und plötzlich kamen dann die Feuerwerke, erst gegen Köln, dann das unvergessene berühmte Pokalspiel gegen Schalke, ja, und dann findet man sich auch schon mal auf einem einstelligen Tabellenplatz wieder, wo das erklärte Ziel doch ausdrücklich “nur” der Klassenerhalt ist. Aber all diese Momente des vergangenen Jahres schienen nun in diesem Augenblick der Freude und der Erschöpfung noch einmal hochzukommen.

Rührender Höhepunkt des abends war dann noch die vom Team einstudierte Choreographie für die Fans, eine Botschaft aus einer Buchstabenkette auf T-Shirts, die von weitem zunächst aussah wie “FRES FEST UND GUT PUTSCH“, aber ich bin mir sicher, dass man von der Fankurve aus sicher gut entziffern konnte, dass das Team uns ein Frohes Fest und einen Guten Rutsch wünscht. Wünschen wir auch unseren Jungs. Und vor allem einen schönen Urlaub. Den haben sie sich weiss Gott verdient!

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